Besinnung im Sommer

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5, 24

Liebe Leserin, lieber Leser,

bei der aktuellen Hitzeperiode mit bis zu 38 Grad können wir gut nachempfinden, wie wichtig Flüsse und Bäche sind. Wenn kein Tropfen Regen von oben kommt, sorgen unsere Bäche und Flüsse dafür, dass die Natur überleben kann und Tiere Wasser finden. Sie sind der Garant für das Leben und Überleben.

Genauso ist es mit Recht und Gerechtigkeit in einer Gesellschaft. Sie garantieren den Zusammenhalt einer Gemeinschaft und geben Sicherheit in schwierigen Zeiten. Genau darauf kommt es an: Dass Menschen sich verlassen können, dass sie in Krisen geschützt sind durch das Recht wie durch die Solidarität der Gemeinschaft. Leider ist das nicht selbstverständlich, wie man meinen könnte. In Österreich, so wurde in einer Radiosendung berichtet, hat man einen freiwilligen Fonds gegründet, in den reiche Menschen einzahlen. Das eingebrachte Geld sollte direkt armen und bedürftigen Menschen zugutekommen. Zusammengekommen sind – so der Bericht – 0 Euro…

Jeder kann im Leben in eine Krise kommen. Wie schnell das geht, davon zeugen Beispiele aus unseren Tagen. Eine Krankheit, eine Scheidung, der Verlust des Arbeitsplatzes – es gibt viele erdrückende Beispiele von Menschen in Not. Die Bibel blickt dabei immer wieder auf das Los von Rechtlosen und Schwachen, von älteren Menschen, von Witwen und Waisen. Auch bei uns im Land sind viele Menschen mit kleiner Rente auf Unterstützung etwa durch das Wohngeld angewiesen. Die Diskussionen um Kürzungen verunsichern Menschen, die sowieso schon mit wenig Einkommen leben müssen.

Global gesehen erleben wir einen schleichenden Verlust von Recht und Gerechtigkeit. Wer die Macht hat, bestimmt das Recht und setzt seine Interessen unter Ausübung von Gewalt durch. Davon lesen wir auch schon im Buch des Propheten Amos. Sein Protest richtet sich gegen die Mächtigen im Land, die das Recht beugen. Im Namen Gottes klagt er an. Und dann folgt dieses wunderbare Bild vom Wasser, das sich durch das Flussbett wälzt (so wörtlich) und die Flussaue tränkt. So soll im Land Recht gesprochen und geübt werden: großzügig und überfließend – nicht kleinlich und nachrechnend. Auf Gerechtigkeit soll Verlass sein, wie ein Bach, der immerwährend Wasser spendet – auch in trockenen, sprich: kargen Zeiten. Wie wohltuend erfrischend ist dieses Wort auch angesichts der gegenwärtigen Spardiskussionen in der Politik. Sozialpolitik darf nie kleinlich sein.

Der Fluss spendet allen Tieren und Menschen wie auch den Pflanzen sein Nass und rechnet nicht nach. Doch wir merken auch, dass wenn einige sich an dem vorhandenen Wasser bereichern und mehr für sich beanspruchen als es ihnen zusteht, wird das Wasser knapp. Das gilt sowohl im Blick auf die Reichen im Land wie auch im Blick auf diejenigen, die Hilfe empfangen: Solidarität lebt immer von Gegenseitigkeit. Jede Art von Bereicherung schadet der Gemeinschaft insgesamt. Sehen wir auf unsere Natur, so merken wir auch hier, dass sie unter der fortwährenden Gier des Menschen leidet.

Psalm 36 lenkt unseren Blick auf Gott. Er ist mit seinen Gaben verschwenderisch wie der Fluss. Dort heißt es Vers 9: „Sie werden satt von den Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom“. Gott geizt nicht. Umso weniger sollten wir mit dem geizen, was wir haben. Gott ist der Ursprung allen Lebens. Er geht großzügig mit dem Recht um und auf seine Gerechtigkeit ist Verlass. Wie der Psalm sagt: Bei ihm ist die Quelle des Lebens. Gemeinschaftstreues Verhalten – so wird das hebräische Wort für Recht auch übersetzt. Von der Großzügigkeit Gottes können wir lernen!

In meiner Zeit in Chile haben die Kinder aus dem Armenviertel in Punta Arenas wöchentlich eine Beca (Unterstützung) bekommen. So hatten sie das Geld für den Bus, um zur Schule zu fahren. Als wir selbst eine Schule begonnen haben, habe ich mich dafür eingesetzt, dass zwei Mädchen von unseren bedürftigen Familien in der Schule ohne Schulgeld aufgenommen werden. Wir haben ihnen auch die Schuluniform bezahlt, die dort alle Kinder tragen. Eines der Mädchen war sehr begabt. Trotzdem hat die Mutter ihre Tochter nach zwei Jahren von der Schule genommen, weil sich das Mädchen dort an der Schule nicht als gleichberechtigt angenommen fühlte. Die traurige Wahrheit ist: Die Verwirklichung von wahrer Gerechtigkeit scheitert immer wieder auch an den Herzen der Menschen. Gott hat ein Herz für alle Menschen. Mögen wir von ihm lernen und möge er uns ein Herz schenken, das alle Menschen unabhängig von der Herkunft achtet.

Bernd Rampmeier, Pfarrer