Lorenzkirche in Leingarten-Großgartach

geschütztes Kulturdenkmal im sog. Stuttgarter Jugendstil von 1913

Baugeschichte

Im Jahr 1122 wird in Großgartach erstmals eine Dorfkirche erwähnt. 1470 findet eine Erweiterung im spätgotischen Stil statt und um 1670 bekommt sie ein bemaltes Holzgewölbe. Beim Ortsbrand 1675 bleibt sie verschont, obwohl fast das gesamte Dorf abgebrannt sein soll.
1725 erfolgt ein weiterer Umbau und an drei Seiten werden hölzerne Emporen eingezogen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Kirche so baufällig, dass ein Abbruch und umfassender Neubau ins Auge gefasst wird.

 

Unter Pfarrer Dr. Julius Gmelin und dem jungen Architekten Prof. Martin Elsaesser (1884-1957) wird 1913 der Neubau der Lorenzkirche eingeweiht. Architektonische Bedeutung haben die von Elsaesser erbauten Kirchen im Lande, vor allem aber die Markthalle in Stuttgart (1912-1913) und die Großmarkthalle in Frankfurt. Den Neubau der Lorenzkirche gestaltet er in einer Mischung aus Stilelementen des Historismus und des Jugendstils.
Auch die Innenausstattung und Bemalung der Lorenzkirche ist durchgehend von Elsaesser entworfen und gibt dem streng gegliederten Raum ein harmonisches und aufeinander abgestimmtes Erscheinungsbild.

Von der alten Kirche erhalten ist heute nur noch das untere Geschoss des Turms, die heutige Taufkapelle, mit einem Kreuzrippengewölbe aus der spätromanisch-gotischen Übergangszeit.
Sie beinhaltet den Taufstein von 1662, ein spätgotisches Sakramentshäuschen und eine gestiftete Gedenktafel von 1664.
Ebenfalls aus dem Vorgängerbau übernommen sind die Tuchgemälde an den Emporebrüstungen.
Ein weiterer historischer Überrest ist ein über dem Emporenaufgang verbauter Schlussstein aus dem Umbau im 18. Jahrhundert. Die darauf befindliche Figur mit einem Rost verweist auf den Namenspatron Laurentius.

1964 wird der Innenraum renoviert und grundlegend verändert. Er erhält ein, der damaligen Zeit gemäßes, schlichtes Erscheinungsbild mit neutralen Farben und Flächen.
1985 findet eine umfassende Außenrenovierung statt.
Bei der Innenrenovierung 1990 wird die ursprüngliche Erscheinung mit der ursprünglichen Farbgebung, den Verzierungen und den Tuchmalereien an der Brüstung wieder hergestellt.
2013 wird die Lorenzkirche zum 100-jährigen Bestehen von außen umfassend saniert und jüngere Schäden im Innenraum beseitigt.

 


Altarwand und Kreuzigungsgruppe

Die Kreuzigungsgruppe des Bildhauers Christian Scheufele (1884 – 1915) bestimmt ausdrucksstark den gesamten Raum.
Die Figurengruppe erscheint lebendig und erzählt mit ihren Figuren zwei Stellen der Kreuzigungsgeschichte aus Lukas 23 und Johannes 19.
Zusammen mit den beiden spitzbogigen Durchgängen zur Taufkapelle und zum Konfirmandensaal wird das Figurenensemble von einem runden Blendbogen eingefasst und schließt die gesamte Altarwand somit zu einer wirkungsvollen Einheit aus Architektur und Skulptur zusammen.
Symbolisch bietet sich dem Betrachter und Gottesdienstbesucher ein Gegensatz von Dunkel und Licht, oder auch der Weg aus dem Dunkel durch die Taufe und die Tauflehre, den Konfirmandenunterricht, hin zur Erleuchtung im Leben in Jesus Christus.

An der gewölbten hölzernen Kassettendecke sind in den vier Unterzügen die Symbole der vier Evangelisten als Holzschnitzereien des Stuttgarter Bildhauers Hermann Jung dargestellt:
Adler (Johannes), Stier (Lukas), Löwe (Markus) und Engel (Matthäus).

 


Orgel und Empore

Auf der westlichen Empore ist in einer Nische zwischen zwei Säulen die ornamental verzierte Orgel platziert.
Das 1913 von der Firma Walker aus Ludwigsburg gebaute Instrument zählt zu den größten Schätzen der Lorenzkirche.

Sie verfügt über ein pneumatisches System und einen seltenen Selbstspielapparat, der mit eingestanzten Lochstreifen in einer Papierrolle gesteuert wird. Diese Organola stellte bereits früher für eine Dorfkirche eine Besonderheit dar und zählt heute zu den letzten funktionsfähigen Exemplaren dieses Typs.

Noch aus der alten Kirche erhalten sind die Tuchmalereien an den Emporebrüstungen. Sie stammen aus dem 17. Jahrhundert und zeigen Szenen aus dem alten Testament und dem Leben Jesu.

 


Turm und Außenansicht

Von außen betrachtet, besteht die Kirche aus einfachen geometrischen Formen, nur wenige Elemente wie der kleine Treppenerker über dem nordwestlichen Eingang unterbrechen die ansonsten strenge Gliederung.
An der Nordostseite sticht zur Straßenseite ein Quergiebel hervor, in dem sich allerdings kein Querschiff, sondern, wie aus der Fensteraufteilung ersichtlich, mehrere Nebenräume, der Konfirmandensaal und ein Treppenhaus befinden.
Der 28 m hohe Turm steht an der Ostseite; gut sichtbar ist das alte Sandsteinmauerwerk der Vorgängerkirche, darüber der neu aufgemauerte Turm mit Spitzhelm.
In etwa 20 m Höhe prägt ein markanter Säulenumgang das Bild des Turmes; dahinter befinden sich die Schallläden und das Glockenwerk. Von hier aus bietet sich ein weiter Rundblick über Leingarten und Umgebung.
Die Glocken mussten in beiden Weltkriegen jeweils abgegeben werden, die drei heutigen Glocken fertigte die Gießerei Bachert 1951 in Heilbronn.

 

Zusammenstellung:
Robin Frisch
Textverweise:

Dr. Elisabeth Spitzbart-Maier, Die Kirchenbauten Martin Elsaessers und ihre Voraussetzungen in der protestantischen Kirchenbautheorie und Liturgiediskussion, Stuttgart 1989;
Festschrift zur Kirchenrenovierung 1985 und 1990;
Heimatbuch Leingarten, Heimatverein Leingarten e.V., 1982
Bilder:

Helmut Dürrwang; Robin Frisch; Helmut Schadt, historisches Bildmaterial der Kirchengemeinde