Besinnung im Herbst

Besser eine Handvoll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.

Prediger 4, 6

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Bibel ist voll mit überraschenden Weisheiten. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren haben sich die Autoren Gedanken gemacht über das Leben. Die Frage nach Sinn und Erfüllung im Leben stellte sich schon damals. Im Buch Prediger wird darüber nachgedacht, was von Dauer ist. Vieles im Leben ist Haschen nach Wind. Materielle Güter sind vergänglich. Reichtum ist vergänglich. Gesundheit ist vergänglich. Wir wissen zu schätzen, was wir haben. Aber wir wissen nicht, ob das, was ich heute in den Händen halte, morgen noch seinen Wert hat.

Wie geht es Ihnen mit diesen Fragen? „Hauptsache gesund!“ höre ich immer wieder. Ist Gesundheit wirklich alles? Ist nicht auch das Streben nach Gesundheit ein „Haschen nach Wind“? Auf jeden Fall gilt, dass ein gesunder Lebensstil und vielseitige Ernährung, Bewegung etc. im Alter mehr gesunde Jahre schenkt. Umgekehrt ist unser heutiger Lebensstil mit weniger Zeit für gesundes Essen schädlich für unser Wohlbefinden und unseren Körper. Tagsüber im Büro am PC sitzen und abends dann noch als Ausgleich Joggen ist Dauerstress für unseren Körper. Die Jugend – wie auch Erwachsene – , die Stunden ihrer Lebenszeit mit Social media etc. verbringen, dann auf den E-Scooter steigen, statt ihre Muskeln zu bewegen, schaden dem eigenen Körper. Man solle im Büro einmal in der Stunde aufstehen, Treppen laufen oder sich schnell bewegen – im Büroalltag eine Illusion. Und dennoch ist die Gesundheit und Prävention ein wichtiges Thema in den Unternehmen. Denn gesunde Mitarbeitende sind präsenter und leisten mehr.

Zur Gesundheit gehört allerdings mehr als ein schmerzfreier, gut funktionierender Körper und Geist. „Besser eine Handvoll mit Ruhe“ sagt der Prediger und meint damit Glück und Zufriedenheit im Leben. Haben wir noch Zeit für das Glück und die Zufriedenheit? Nicht umsonst suchen heute viele Menschen die Stille und Ruhe in Klöstern oder aber auch in Kirchen auf. Es sind Orte der Besinnung auf das Wesentliche im Leben. Oasen der Ruhe. Orte, um das Leben zu spüren.

In unserer lauten hektischen Welt sehnen wir uns nach Ruhe. Dem Übermaß von Stimmen und der Dauerpräsenz der Medien setzen viele die Stille entgegen. In der Natur und im Wald weit ab von großen Straßen erlebt der Mensch wieder sich selbst. Im Plätschern des Wassers und im Singen der Vögel erfahre ich, was Leben ist.

Es braucht nicht viel davon! „Eine Handvoll“ nur reicht. Die Fäuste öffnen und loslassen. Wir können das Leben nicht festhalten. Auch aller Besitz ist uns nur auf Zeit gegeben. Was bleibt, ist die Ruhe. Diese Ruhe hat auch etwas mit dem Glauben zu tun. Im Vertrauen auf Gott finde ich Ruhe. Im Hören auf Gottes Wort finde ich Trost und Orientierung. Beim Singen mit anderen im Gottesdienst erlebe ich Gemeinschaft. Im Gebet kann ich mein Leben vor Gott bringen. In den Taizé-Andachten erlebe ich die Stille vor Gott.

Jetzt im September, wenn nach den Ferien wieder der normale Alltag beginnt in Schule, Büro und Fertigungshalle, wünsche ich uns solche Ruhepunkte. Eine Handvoll mit Ruhe und dankbare Gelassenheit sind wertvoller als dem Wind nachzujagen und uns an materielle Dinge zu klammern.

Das wünscht Ihnen

Bernd Rampmeier, Pfarrer